Wenn Ergebnisse zählen, aber Erklärungen fehlen – mit Explainable AI raus aus der Black Box
19. Juni 2026 | Lesezeit: 9 Minuten

AI Solution Engineer bei der Medienwerft
KI trifft Entscheidungen, aber versteht der Mensch noch wie? Im Unternehmensalltag unterstützt KI immer häufiger beim decision making. Doch je mehr wir uns auf sie verlassen, desto dringlicher wird eine Frage: Wie nachvollziehbar sind ihre Ergebnisse? Im Beitrag erfahren Sie, warum Explainable AI für Vertrauen, Akzeptanz und den erfolgreichen Einsatz sorgt.

Informationen sortieren, Textvorschläge erstellen oder Kundenanfragen beantworten – Künstliche Intelligenz (KI) ist schon lange nicht mehr nur eine Spielerei oder ein Experiment. In vielen Unternehmen sind AI-Systems mittlerweile im Arbeitsalltag angekommen – als Assistent, als Analysehilfe, manchmal sogar als „Mitdenker“ bei Entscheidungen.
Daraus entstehen große Vorteile: Teams sparen Zeit, reduzieren Routineaufgaben und können sich wichtigeren Herausforderungen widmen. Klingt doch alles super, oder?
Dabei gibt es allerdings einen Knackpunkt. Und zwar genau dann, wenn sich der Anwender fragt, wie genau die KI zu ihrer Interpretation gekommen ist. Was waren die Überlegungen? Welche Aspekte waren von Bedeutung und welche hatten eine geringere Wichtigkeit?
Denn egal wie gut die KI unterstützen kann. Es zählt nicht immer nur das Ergebnis. Es zählt vor allem das Vertrauen, welches die Benutzer gegenüber dem Algorithmus haben. Und Vertrauen entsteht meist nicht durch Gedanken, wie „Wow, das ist aber schlau.“, sondern durch „Ah, jetzt verstehe ich, warum!“.
Was bedeutet Explainability – und warum spricht plötzlich jeder von Explainable Artificial Intelligence XAI?
Um also zu verstehen, was KI-Anwendungen als Antwort ausspucken und welche Methoden sie verwenden, müssen diese Models erklärbar sein. Also die Fähigkeit besitzen, nicht nur Ergebnisse zu liefern, sondern auch eine Erklärung dazu zu geben. Im Fachjargon spricht man von Explainability, zu Deutsch Erklärbarkeit.
Daneben tauchen allerdings noch weitere Begriffe auf:
Gemeint ist per Definition immer das Gleiche: Wir wollen weg von KI-Lösungen, die allein als Blackbox agieren. Also weg von dem Gefühl, dass ich eine Anfrage in die Software eingebe und in Sekundenschnelle eine Antwort bekomme, ohne zu wissen was dazwischen passiert.
Definition – Was ist Explainable AI (XAI)?
Explainable AI (XAI) bezeichnet Ansätze und Methoden der Künstlichen Intelligenz, die darauf abzielen, Entscheidungen und Vorhersagen von KI‑Systemen transparent, nachvollziehbar und verständlich für Menschen zu machen. Ziel ist es, nicht nur was ein Modell entscheidet, sondern auch warum es zu diesem Ergebnis kommt – insbesondere für Nutzer, Fachanwender, Auditoren oder Aufsichtsbehörden.
Ein Problem dabei ist, dass viele KI-Modelle – gerade aus dem Bereich Deep Learning (DL) oder Machine Learning (ML) – wie ein sehr leistungsfähiger, aber wenig gesprächiger Kollege funktionieren. Das heißt sie sind sehr gut, in dem was sie tun. Aber wenn man sie nach ihrem Gedankenprozess fragt, schweigen sie…
Was ist an der „Black Box“ eigentlich so schwierig?
Nehmen wir ein alltagsnahes Beispiel aus der Welt der Sprachmodelle: Sie geben eine Frage in zum Beispiel ChatGPT ein und erhalten eine Antwort. Diese Antwort kann perfekt sein oder auch total daneben liegen. Und in beiden Fällen ist schwer zu sagen: Warum hat das Modell genau diese Antwort gewählt?
Genau das beschreibt die Black Box: Das innere Verhalten der Künstlichen Intelligenz abseits der konkreten Antwort bleibt für Nutzer unklar. Wir sehen zwar die Ergebnisse und können sie interpretieren, verstehen aber nicht die Logik dahinter.
Aber warum muss ich überhaupt verstehen, wie KI-Lösungen auf die Antwort kommen? Das ist dann der Fall, wenn KI nicht mehr nur „Texte schreibt“, sondern aktiv Entscheidungen trifft oder dabei unterstützt. Dann geht es nicht mehr um eine nette Spielerei, die manchmal sogar zum Schmunzeln anregt – sondern um Situationen mit echten Auswirkungen auf Kunden, auf Angebote, auf Prozesse oder auf Servicequalität.
Praxis-Guide
Starke Daten – der Treibstoff für KI-Missionen
Inhalte des Praxis-Guides
Warum fehlende Erklärbarkeit Unsicherheit schafft
Im Privatleben sind die Konsequenzen von falschen Antworten meist weniger dramatisch. Im Unternehmen spielen diese schon eine größere Rolle. Denn hier müssen Mitarbeitende Entscheidungen verantworten und erklären.
Wenn eine KI beispielsweise bei der Erstellung eines Angebotsentwurfs sagt: „Dieser Artikel passt nicht ins Angebot.“, „Hier fehlt noch etwas…“ oder „Diese Ergänzung wäre sinnvoll…“ dann stellen sich sofort Fragen, wie „Warum passt der Artikel nicht?“ oder “ Warum soll das ergänzt werden?“.
Wenn das KI-Modell, das nicht erklären kann, passiert in der Praxis meistens eines von zwei Dingen:
Die Herstellung von Erklärbarkeit ist genau die Waage dazwischen: Sie hilft, Ergebnisse einzuordnen, zu prüfen und sinnvoll zu nutzen.
Praxisbeispiel: Warum Vertriebsteams „das Warum“ brauchen
Was also, wenn es nicht nur darum geht Textvorschläge für E-Mails zu generieren? Gerade kann, wenn KI ganz konkret bei Aufgaben unterstützt, wird die Bedeutung von Explainability klar. Ein Szenario hierfür findet sich beispielsweise im Vertrieb.
In unserem Fall war eine intelligente Unterstützung für die Angebotsgenerierung im ERP-Umfeld gefragt. Die KI sollte Angebote ergänzen oder Hinweise geben zum Beispiel wenn etwas fehlt oder nicht ins Angebot passt. Hier entscheidet sich, ob die Unterstützung im Alltag funktioniert. Sobald die KI ein Angebot als „unvollständig“ markiert oder eine Ergänzung empfiehlt, brauchen Mitarbeitende eine nachvollziehbare Begründung:
Sie möchten also sehen, warum die KI so urteilt und welche Informationen dazu geführt haben. Ohne diese Transparenz bleibt das Ergebnis schwer nutzbar. Denn niemand möchte ein Angebot verändern, ohne zu wissen, warum die KI das empfiehlt. Hier wurde Explainability plötzlich nicht zum „Nice-to-have“, sondern zum echten Showstopper.
Explainability: Brücke zwischen KI-Systemen und Menschen
Erklärbarkeit ist deshalb nicht nur ein technisches Feature. Sie ist eine Art Übersetzung: Die KI liefert ein Ergebnis, aber Explainability sorgt dafür, dass daraus ein nachvollziehbarer Schritt wird.
Gerade in Unternehmensanwendungen ist das wichtig, weil KI häufig nicht allein entscheidet. In vielen Fällen gilt: Die KI macht Vorschläge und der Mensch entscheidet final. Im Kern folgt das dem Human-in-the-Loop-Ansatz. Das heißt, die KI unterstützt, der Mensch behält Kontrolle und Verantwortung.
Explainability sorgt dafür, dass dieser Loop überhaupt funktioniert. Denn ohne Erklärung ist die Zusammenarbeit zwischen Mensch und System schwer.
Explainability hilft nicht nur Nutzern – sondern auch den Teams, die KI entwickeln
Eine andere Perspektive zeigt sich, wenn man Explainability nicht nur aus Sicht der Anwender betrachtet – sondern aus Sicht derjenigen, die KI-Modelle entwickeln und betreiben. Auch für Data Scientists und Co. ist Erklärbarkeit ein entscheidender Hebel.
Denn in der Praxis bedeutet eine falsche oder unpassende KI-Antwort häufig viel Aufwand: Modelle werden erneut trainiert, Parameter angepasst, Daten überprüft – oft in der Hoffnung, dass sich das Verhalten verbessert. Dieser Prozess ist zeitintensiv und nicht immer zielgerichtet, weil unklar ist, warum das Modell überhaupt so entschieden hat.
Mit Explainability ändert sich dieser Blick. Entwickler können genauer nachvollziehen, woher ein Fehler stammt, welche Logik oder Muster im Modell wirken und welche Daten oder Merkmale das Ergebnis besonders beeinflussen. Das macht das Modellverhalten verständlicher und steuerbarer. Statt auf Vermutungen zu reagieren, lassen sich Anpassungen gezielt vornehmen. Gerade in produktiven KI-Projekten trägt das dazu bei, Systeme langfristig stabil, verlässlich und weiterentwickelbar zu halten.
Warum Explainability auch mit Regeln, Verantwortung und Compliance zu tun hat
Je stärker KI in Unternehmen eingesetzt wird, desto wichtiger werden Themen wie Rechenschaftspflicht, Transparenz, Fairness und Compliance. Und hier spielt Explainability ebenfalls eine große Rolle, weil sie die Grundlage liefert, um Entscheidungen überhaupt begründen zu können.
Gerade in einem europäischen Kontext steigen Erwartungen an nachvollziehbare Systeme. Für viele Unternehmen ist das nicht nur eine technische Frage, sondern ein Teil der eigenen Sorgfaltspflicht.
Fazit: KI braucht nicht nur Intelligenz – sondern Verständlichkeit
KI kann heute eine Reihe beeindruckender Dinge. Aber im Unternehmen zählt nicht nur, dass sie gute Ergebnisse liefert. Es zählt, dass Menschen diese Ergebnisse verstehen, prüfen und verantworten können. Explainability ist deshalb oft kein Extra, sondern eine Voraussetzung für Vertrauen, für Akzeptanz, für sicheren Einsatz und für sinnvolle Entscheidungen.

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