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Chaotische Lagerhaltung mit SAP – Eine Einführung

,Lesezeit ca. 10 Minuten

Was ist die chaotische Lagerhaltung und was sind ihre Vorteile? Für welche Unternehmen und Lagertypen ist sie besonders gut geeignet? Und welche Rolle spielt dabei Logistik-Software wie SAP EWM oder WM? Diesen Fragen geht der folgende Blog-Beitrag nach.

Effizienz ist in der Lagerlogistik das A und O.

 

Die Produktion muss zuverlässig und schnell mit Materialien versorgt werden und Kundenlieferungen sollen pünktlich das Lager verlassen, sodass Liefertermine eingehalten werden.

 

Gleichzeitig müssen die Lagerkosten im Zaum gehalten werden. Um diesen hohen Ansprüchen gerecht zu werden, können sich Unternehmen verschiedener Lagerungsstrategien bedienen.

 

Eine wichtige Strategie ist hierbei die chaotische Lagerhaltung, die erst durch die Digitalisierung und entsprechende Software-Lösungen ermöglicht wurde.

Von der statischen zur chaotischen Lagerhaltung

Die Besonderheiten der chaotischen Lagerhaltung lassen sich am besten verdeutlichen, indem zunächst betrachtet wird, wie einfache Warenlager typischerweise organisiert sind – mit einer sogenannten statischen Lagerhaltung.

 

Stellen Sie sich dazu die große Lagerhalle eines Elektrohändlers vor. Dort stehen dutzende Hochregale, die wiederum in Lagerbereiche unterteilt sind. Für jeden Lagerplatz ist fest vorgegeben, welche Artikel dort gelagert werden:

 

  • Kabel in Regal 3, Abschnitt A21-23
  • Glühbirnen in Regal 5, Abschnitt B15-B17
  • Steckverbinder in Regal 2, Abschnitt C2 usw.

 

Sollen nun für einen Kundenauftrag Artikel kommissioniert werden, muss die logistische Fachkraft zum entsprechenden Lagerungsort laufen oder fahren. Je nach Größe des Lagers und abhängig vom Artikel-Standort, muss der Logistik-Mitarbeitende hierbei lange Wege zurücklegen.

 

Vielleicht handelt es sich um einen Artikel, der zur aktuellen Jahreszeit gerade besonders gefragt ist, wie zum Beispiel Ventilatoren im Sommer oder Heizlüfter im Winter. Um Kommissionierwege im Lager zu verkürzen, sollten die Artikel demzufolge in Zeiten hoher Umschlagshäufigkeit und Nachfrage intelligenter platziert werden, also näher am Versand.

 

Freie Lagerplätze in Versand-Nähe sind möglicherweise vorhanden, doch aufgrund der Festplatzsystematik dürfen diese freien Plätze nicht für die aktuell stark nachgefragte Saisonware genutzt werden.

 

Wie können Unternehmen, wie zum Beispiel dieser Elektrohändler ihr Lager intelligenter nutzen und gleichzeitig Wegezeiten reduzieren, sodass der Kunde schneller beliefert werden kann? Genau hier kommt das chaotische Lager ins Spiel, auch als dynamische Lagerhaltung bekannt.

Was ist chaotische Lagerhaltung?

Die chaotische Lagerhaltung ist eine Lagerstrategie, bei der Artikeln kein fester Lagerplatz zugewiesen wird. Stattdessen werden Artikel frei im Lager eingelagert, wo gerade Platz ist und wo es für den jeweiligen Artikel sinnvoll erscheint.

 

Der letzte Punkt ist wichtig, denn auch wenn die Bezeichnung "chaotisch" eine gewisse Planlosigkeit suggeriert, erfolgt die Einlagerung nicht zufällig. Sondern systematisch, durch eine entsprechende Software und nach sorgfältig gewählten Kriterien.

 

So könnten, wie im obigen Beispiel, saisonal stark nachgefragte Waren näher an der Packstation platziert werden. In einem anderen Beispiel könnten Produkte, für die gerade eine Werbekampagne läuft und die daher stärker gefragt sind, vorrangig auf den versandnahen Lagerplätzen gelagert werden.

 

Zum Ausgleich können Artikel mit momentan geringer Nachfrage in entfernteren Regal-Reihen platziert werden. Natürlich sind bei der Bestimmung des Lagerorts auch physische Kriterien, wie Artikel-Abmessungen und Gewicht, zu berücksichtigen. Denn selbstverständlich muss ein Artikel in den angedachten Lagerplatz passen. Außerdem darf die maximale Tragkraft der Lagerregale nicht überschritten werden.

 

All diese Kriterien und Bestimmungen können mithilfe einer passenden Lager-Software automatisiert berücksichtigt werden.

Chaotische Lagerhaltung erfordert ein Lagerverwaltungssystem

Der Betrieb eines chaotischen Lagers ist nur mit einem Lagerverwaltungssystem (WM-System) möglich. Zu den führenden Systemen zählen hierbei SAP WM beziehungsweise EWM (für S/4HANA) vom Softwarekonzern SAP.

 

Im Lagerverwaltungssystem (LVS) wird zunächst die reale Lagerstruktur, mit allen Lagerflächen und -orten sowie Regalen, digital abgebildet. Hierzu stehen in der Warehouse Management Software verschiedene Organisationselemente wie Lagernummer, -typ oder -bereich zur Verfügung, die per Customizing individuell für das jeweilige Unternehmen angelegt und konfiguriert werden.

 

Das LVS steuert und verfolgt alle Einlagerungen und Entnahmen in Echtzeit und hinterlegt sich den physischen Standort eines jeden Artikels, damit dieser jederzeit lokalisiert werden kann.

 

Die Regeln, nach denen das System einzulagernden Artikeln einen Lagerplatz zuweist, werden über das Customizing hinterlegt. So kann bei SAP WM zum Beispiel angegeben werden, in welchem Lagerbereich eine bestimmte Materialart gelagert werden darf. Das System durchsucht daraufhin die jeweiligen Lagertypen nach freien Kapazitäten.

 

Darüber hinaus benötigt das Warehouse Management System für die automatische Platz-Zuweisung Zugriff auf die notwendigen Artikelstammdaten wie Materialart, Abmessungen und Gewichte.

 

Diese Daten sind im Materialstamm des Warenwirtschaftssystems (ERP-Systems) hinterlegt. Beim Einsatz von SAP ERP ECC 6.0 werden die Materialstamm-Ausprägungen im Modul SAP MM festgelegt.

 

Das ERP – egal ob von SAP oder einem anderen Hersteller – muss über eine Schnittstelle mit dem LVS verbunden werden, damit die Artikeldaten übertragen werden können. Nur so sind reibungslose, automatisierte Prozesse realisierbar.

 

Welche Besonderheiten die systemgestützte SAP-Lagerhaltung im Wareneingang beziehungsweise -ausgang kennzeichnet, wird im Folgenden aufgezeigt.

Chaotische Lagerhaltung im Wareneingang

Beim Wareneingang ist Schnelligkeit wichtig, sodass die jeweiligen Artikel zügig ihren Bestimmungsort erreichen und wieder zum Verkauf zur Verfügung stehen.

 

Bei der chaotischen Lagerhaltung mit SAP scannt der Mitarbeitende im Wareneingang den Barcode der eingetroffenen Ware. Das SAP-Lagerverwaltungssystem schlägt daraufhin einen optimalen Lagerplatz vor, der die Transportwege minimiert.

 

Die notwendigen Daten – Materialart, Abmessungen und Gewicht – für die Bestimmung des Lagerungsorts bezieht das Lagersystem aus dem angebundenen ERP. Daraufhin wird der Artikel von der Fachkraft zum vorgegebenen Lagerplatz transportiert und eingelagert.

 

Beim chaotischen Lager ist es nicht unüblich, dass unterschiedliche Artikel an derselben Lagerstelle gelagert werden. Es gibt schließlich keine Fixplatzsystematik, bei der Lagerplätze nur für bestimmte Artikelgruppen genutzt werden dürfen.

Chaotische Lagerhaltung im Warenausgang

Auch im Warenausgang kann die chaotische Lagerverwaltung mit einer entsprechenden SAP Logistik-Software gesteuert werden, sodass die Prozesse effizient und fehlerfrei durchgeführt werden können.

 

Die Kommissionierung der Bestellungen wird vom LVS automatisch geplant. Hierbei wird die optimale Auftrags- und Pickreihenfolge vom SAP-System ermittelt, sodass Laufwege für die Mitarbeitenden in der Logistik minimiert werden und die Ware pünktlich das Lager verlässt.

 

Bei der Entnahme scannt die logistische Fachkraft den zu entnehmenden Artikel sowie den Lagerplatz-Code mit einem Gerät für die mobile Datenerfassung (Pick-by-Scan). So wird zum einen sichergestellt, dass der korrekte Artikel entnommen wurde. Zum anderen sind die Artikelmengen für die Bestandsführung im Warenwirtschaftssystem somit stets aktuell.

Vorteile einer chaotischen Lagerhaltung

Die chaotische oder dynamische Lagerung bietet insbesondere folgende Vorteile:

 

  • Bessere Nutzung der Lagerfläche
    Anders als bei einem Festplatzsystem stehen im dynamischen Lager alle freien Lagerplätze zur Einlagerung zur Verfügung. Es können Artikel unterschiedlichen Typs nebeneinander eingelagert werden. Somit wird die Lagerfläche besser ausgenutzt und Leerstände werden vermieden.
  • Schnellere Bestückung
    Soll neue Ware ins Sortiment aufgenommen werden, muss nicht erst ein eigener Lagerplatz gefunden und freigeräumt werden. Bei einer dynamischen Lagerhaltung steht der gesamte freie Platz für die Einlagerung der neuen Artikel zur Verfügung.
  • Kürzere Wege und schnellere Ein- sowie Auslagerungszeiten
    Da bei der chaotischen Lagerverwaltung ein Logistik-System die Lagerplätze verwaltet und Ein- sowie Auslagerungen plant, werden Lagerplätze im Hinblick auf kürzeste Wege automatisiert vom LVS optimiert. Somit verkürzen sich ebenfalls die Zeiten zur Ein- und Auslagerung.
  • Gassenstörungen haben geringere Auswirkungen
    In großen Warenlagern kommt es gelegentlich zu Störungen, die den Warenfluss beeinträchtigen. Zum Beispiel wenn ein Regal-Förderer ausfällt. Bei einem Festplatzsystem könnte der benötigte Artikel dann nicht oder nicht schnell genug entnommen werden. Bei einer chaotischen Lagerung ist der gesuchte Artikel in der Regel auch an anderen Lagerplätzen verfügbar und es kommt nicht zu einem Engpass.

Nachteile einer chaotischen Lagerung

Auch wenn die chaotische Lagerhaltung erhebliche Vorteile für Unternehmen bietet, so sind mit ihrer Einführung auch einige Nachteile und Herausforderungen verbunden. Zu den Nachteilen des dynamischen Lagers gegenüber der Festplatzsystematik zählen insbesondere:

 

  • Abhängigkeit von IT-Systemen
    Bei der dynamischen Lagerhaltung kennt nur das Logistik-System den genauen Standort eines Artikels. Bei einer Unterbrechung des Systembetriebs kann dies den Lagerbetrieb temporär zum Stillstand bringen.
  • Investitionskosten
    Um die Vorzüge der chaotischen Lagerstrategie nutzen zu können, benötigt es zunächst wesentliche Investitionen. Die größte Investition stellt die Implementierung eines Lagerverwaltungssystems und die Integration von Lagerverwaltung sowie Warenwirtschaft dar. Außerdem müssen die Artikelstammdaten eine hohe Qualität aufweisen, sodass diese für die automatische Lagerplatz-Zuweisung genutzt werden können.

 

Unternehmen, die über die Einführung einer chaotischen Lagerung nachdenken, sollten neben den Vor- und Nachteilen insbesondere prüfen, ob diese Art der Lagerhaltung für das eigene Geschäftsmodell und die individuelle Strategie sinnvoll ist.

Wann ist eine chaotische Lagerhaltung sinnvoll?

In der Praxis hat sich gezeigt, dass die chaotische Lagerverwaltung gerade in folgenden Fällen Vorteile gegenüber der statischen Lagermethode bietet:

 

  • Bei dynamischem Sortiment – regelmäßig werden neue Ware aufgenommen und ältere Artikel aus dem Sortiment entfernt
  • Bei großer Artikelanzahl
  • Bei starker Saisonalität der Artikel
  • Für große und unübersichtliche Lagerflächen
  • Wenn ein Warenwirtschaftssystem (eventuell mit Lagerverwaltungssystem) bereits im Einsatz oder eine Anschaffung geplant ist

Individuelle Bewertung der Logistik-Anforderungen nötig

Zur Organisation des Warenlagers bieten sich Unternehmen zwei grundsätzliche Modelle: Das statische Lager, bei dem jeder Artikel einen festen Platz besitzt und die chaotische Lagerhaltung, mit dynamisch zugewiesenen Lagerplätzen.

 

Das statische Lager ist einfacher zu betreiben und erfordert keine komplexe IT-Infrastruktur. Allerdings wird bei der statischen Lagerhaltung oftmals Platz verschwendet, wenn sich das Sortiment regelmäßig ändert oder die Nachfrage nach gewissen Artikeln saisonal schwankt.

 

Eine chaotische Lagersystematik reagiert besser auf eine veränderte Nachfrage-Situation und Sortimentsänderungen, indem freie Lagerplätze effizient und flexibel genutzt werden. Zur Steuerung eines dynamischen Lagers ist jedoch eine zuverlässige Software für die Lagerverwaltung, wie etwa SAP WM (Warehouse Management) oder SAP EWM (Extended Warehouse Management), erforderlich.

Adrian Neumeyer

Als freier Texter für IT- und Technologieunternehmen ist es meine Aufgabe, technische Lösungsansätze klar verständlich zu beschreiben und Menschen von den Vorzügen einer Technologie zu überzeugen. Vor meiner Selbständigkeit arbeitete ich mehrere Jahre als SAP-Consultant, Prozessexperte und SAP-Projektleiter in Industrieunternehmen in Deutschland und der Schweiz.

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