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Digitalisierung

Digitale Reformation der digitalen Branche – Treiber oder Getriebene

, Lesezeit 7 Minuten

Die Digitalisierung ist nun nicht mehr ein Begriff, mit dem nur Spezialisten etwas anfangen können. Sie ist in der Presse allgegenwärtig und in den Chefetagen der deutschen Mittelständler angekommen. Was aber bedeutet die Digitalisierung für die IT-Industrie? Sind wir Treiber oder Getriebene?

IT ist schon immer digital

Die Digitalisierung ist für den IT-Sektor natürlich nichts Neues. Unser Kerngeschäft ist es ja, Geschäftsbereiche und deren Prozesse mit digitalen Lösungen zu unterstützen. Wir tragen quasi das Digital-Gen in uns. Man sollte also denken, dass die Digitale Transformation die IT und die dort Beschäftigten gar nicht so betrifft. Ist das wirklich so? Schauen wir uns an, was die Digitale Transformation mit den Unternehmen macht und was das für uns im IT-Sektor bedeutet:

 

Beispiel für die Digitale Transformation in der Finanzbuchhaltung

Viele Geschäftsmodelle von IT-fernen Firmen verändern sich hin zum Digitalen. Was für Geschäftsmodelle gilt, gilt in großen Konzernen auch für die einzelnen Fachabteilungen, welche ja quasi jede für sich eine kleine Firma mit eigenem Geschäftsmodell darstellen. Seit vielen Jahren bieten Software-Hersteller Lösungen zur automatisierten Erfassung, zum Abgleich und zur Buchung von Eingangsrechnungen an. Die erfassten Daten werden in ERP-Systemen (ERP steht für Enterprise Resource Planning) eingespielt. Damit können viele Abläufe bei Bestellungen und Wareneingängen, die früher manuell erledigt wurden, durch Software automatisiert werden. Der Berater war dabei bisher eher technologisch orientiert, denn die Finanzabteilung existierte ja und führte dieselben Prüfungen durch, nur eben manuell.

 

Im Vordergrund des IT-Projektes stand das Werkzeug, aber der Prozess blieb derselbe. Ziemlich hart auf den Punkt gebracht hat das Thorsten Dirks, CEO der Telefónica Deutschland AG: „Wenn sie einen Scheißprozess digitalisieren, dann haben sie einen scheiß digitalen Prozess!” Wenn manche auch andere Worte wählen würden, sollten IT-Berater den Satz ernst nehmen! Die Finanzabteilung hat heute andere Herausforderungen als die simple Einsparung von Arbeitszeit und die Optimierung der Skonto-Ausschöpfung. Das heißt: Unsere Kunden, die Fachabteilungen der Unternehmen, müssen Funktionen und Prozesse neu erfinden. Die Finanzbuchhaltung wird zum Business Enabler: Will ein Unternehmen in Zukunft z.B. Mobilität statt Autos verkaufen, wird es sich mit einer stark wachsenden Zahl von Kunden, Zahlungstransaktionen, Micropayments und Blockchain auseinandersetzen müssen. Dabei ist es auf die IT angewiesen. Reines Wissen um die Technik reicht dort wiederum nicht aus.

 

Bleiben wir beim Beispiel der Finanzbuchhaltung: Wenn ein Unternehmen einen digitalen Rechnungseingang einführt, will es damit etwas erreichen. Es verbindet damit Ziele. Zum heutigen Stand bedeutet das Erreichen dieser Ziele für IT und IT-Lieferanten, wenn die Software den Last- und Pflichtenheften genügt, keine Fehler aufweist und abgenommen wurde. Das wird jedoch bald nicht mehr reichen! Wenn unsere Kunden ihre eigenen Ziele nicht erreichen konnten, dann wird es auch unsere Aufgabe sein, sie entsprechend zu beraten. Denn letztlich sind die Digital-Kenntnisse, die wir haben, für den Kunden wertvoll, und werden zur Problemlösung gebraucht. Werden die digital eingehenden Rechnungen beispielsweise häufig auf falsche Kreditorenkonten gebucht, dann kann einer der Gründe sein, dass die Stammdatenqualität mangelhaft ist und entweder Lieferanten mehrfach im System angelegt sind (das System den richtigen also nicht zuordnen kann) oder einfach Namen und Adressen mit anderen Schreibweisen hinterlegt sind als auf der Rechnung angegeben. In diesem Fall ist die IT mitverantwortlich, das Problem zu analysieren und Lösungswege aufzuzeigen. Die Voraussetzung für die IT ist die Kenntnis der Technik. Dieses Wissen mit betriebswirtschaftlichen Abläufen zu verknüpfen und ein tiefes Verständnis der Prozesse in unterschiedlichen Bereichen aufzubauen, ist in der IT nicht mehr wegzudenken.

 

 

Agilität in der Entwicklung

In der IT-Branche verbreiten sich agile Methoden immer stärker. Ein Beispiel dafür ist „Design Thinking“. In entsprechenden Workshops untersuchen Beteiligte aus unterschiedlichen Bereichen aus Nutzersicht vorgegebene Problemräume. Dadurch lassen sich mögliche Ideen oder Lösungsansätze erarbeiten. Scrum hingegen wird als Entwicklungsprozess genutzt, um in kurzen Phasen („Sprints“) kleinere, aber ausliefer- und vorführbare Ergebnisse zu produzieren, die direkt dem Feedback des Auftraggebers unterzogen werden können.

 

Neben diesen beiden Beispielen gibt es zahlreiche weitere agile Ansätze für IT-Projektmanagement und Software-Entwicklung. Gemeinsam ist ihnen, dass die Zusammenarbeit zwischen allen Beteiligten immer enger wird: Berater und Entwickler unterhalten sich direkt mit dem Auftraggeber eines Projekts über den Business Case, der Usability-Designer kann seine Vorstellungen von der Benutzeroberfläche unmittelbar dem Endbenutzer präsentieren und im Design Thinking unterhalten sich Kunde und Lieferant auf Problem- und Lösungsebene. Klar ist, dass der Projektsponsor und der Vertrieb ganz anders miteinander kommunizieren müssen, wenn es nicht einen von Anfang an klar abgegrenzten Scope mit einer fixen Aufwandschätzung gibt.

 

Agile Methoden dienen nicht nur dazu, Transparenz zwischen den Beteiligen und Qualität zu schaffen, sondern auch, die Bedürfnisse der Kunden, die durch die Digitale Transformation immer individueller werden, realisieren zu können. Wenn, wie oben genannt, die Finanzabteilung keinen Service „von der Stange“ mehr anbietet – sprich, die Soll- und Haben-Buchungen abwickelt, sondern das Geschäftsmodell des Unternehmens unterstützen will, dann eignet sich dafür auch keine Software von der Stange. Wie also können solche Individuallösungen sinnvoll und mit vertretbarem Aufwand realisiert werden? Agile Methoden rücken den Geschäftsnutzen des Kunden in den Vordergrund. Der wiederum nimmt unmittelbar und direkt auf den Entwicklungsprozess Einfluss.

 

 

Individualisierung in der Cloud? PaaS als Lösungsansatz

Der große Trend der letzten Jahre ist die Cloud. Wie passt die zunehmende Individualisierung und die engere Zusammenarbeit zwischen IT und Kunde zu den Cloud-Strategien der Unternehmen?

 

Software aus der Cloud (genaugenommen aus der Public Cloud) ist standardisiert und für alle Kunden identisch, da die Code-Basis immer die gleiche ist. Damit sind kundenindividuelle Entwicklungen ausgeschlossen.

 

Wenn nun wie eben beschrieben die Anforderungen und damit die Software immer individueller werden, kann man dann überhaupt Cloud-Anwendungen sinnvoll betreiben? Wie kann ein Unternehmen wie home24, das auf passgenaue Prozesse angewiesen ist, auf einem SAP ERP aus der Cloud laufen?

 

PaaS (Platform as a Service) heißt die Antwort. Im genannten Beispiel stellt die SAP eine eigene Cloud-Plattform mit vielen Microservices rund um IoT, Analytics, Predictive Analysis, Big Data, Machine Learning etc. zur Verfügung. Die PaaS-Cloud übernimmt die individuellen Anforderungen. Aufgabe des Beraters ist, die wichtigsten Anforderungen des Kunden zu verstehen und die vorhandenen Bausteine außerhalb des ERP über Schnittstellen zu einer individuellen Lösung zusammenzustellen. In diesem Fall kommt keine fertige Software aus der Cloud, sondern die technologischen Werkzeuge, die (durch den Berater) geschickt genutzt werden sollten. Also ein modulares System als Lösung.

 

 

Technologie wird immer günstiger und einfacher verfügbar

Technologie ist also wichtig und über PaaS immer günstiger und einfacher verfügbar. Und hier beginnt die Digitale Transformation der IT-Häuser! Sie müssen zum Business-Partner auf Augenhöhe mit ihren Kunden werden und können sich nicht mehr darauf verlassen, dass ihre technologische Kompetenz ein dauerhaftes Alleinstellungsmerkmal ist – es sei denn, sie können sich eine Forschung wie Google, Apple oder SAP leisten.

 

 

Branchenübergreifende Zusammenarbeit

Unternehmen aus traditionellen Branchen, die sich digital transformieren wollen, übernehmen immer öfter Technologiefirmen oder Start-ups, um das nötige Digital-Know-how aufzubauen und Fachkräfte gewinnen zu können. Es geht aber auch umgekehrt: Die FIS Informationssysteme und Consulting GmbH ist ein SAP-Systemhaus, das von der ERP-Einführung bis zu eigenen Produkten zur Prozessoptimierung und zum Hosting tiefe Kenntnisse im SAP hat. Viele Unternehmen, die wir betreuen, stecken mitten in der Digitalen Transformation und im täglichen Kampf um Kunden. Diese erwarten, ihre Lieferanten jederzeit auf verschiedenen Kanälen erreichen zu können und passgenau zugeschnittene Angebote zu erhalten.

 

Daher haben wir uns entschlossen, unser Angebot im Bereich Customer Engagement und Commerce (CEC) auszubauen. Darunter verstehen wir E-Commerce und Plattformen für Marketing und CRM. Als SAP-Experten verstehen wir uns natürlich auf die dahinter stehende Technologie. Realtime-Verfügbarkeitsprüfungen im Webshop, komplexe individuelle Preisfindungen (im B2B-Bereich ganz wichtig) und Responsive Design waren kein Problem. Schnell mussten wir allerdings feststellen, dass unsere Kunden diese technologischen Vorteile eher als Voraussetzung denn als Auswahlkriterium nutzten. Sie wollten einfach einen Webshop kaufen, der funktioniert – sprich, der in Suchmaschinen ganz vorne erscheint, der von Kunden frequentiert wird und der vor allem Umsatz generiert.

 

Die tollste technische Shop-Lösung kann dies aber nicht garantieren. Daher hat FIS vor einem Jahr eine Agentur übernommen, die sich auf digitales Marketing spezialisiert hat: die Medienwerft aus Hamburg. Hier finden sich Experten für Markenbildung im Netz (E-Branding), für Online- und Social Media-Marketing, für Design und für Search Engine Optimisation (SEO). Die FIS-Gruppe ist nun in der Lage, einen Webshop aus einer Hand anzubieten – nicht nur im Sinne einer technischen Lösung, sondern eben ganzheitlich betrachtet, inklusive Gestaltung und Konzept zur Vermarktung und Gewinnung neuer Kunden.

 

 

Digitale Reformation oder Reformation der Digitalbranche?

Auch wenn man also meint, die IT-Branche beschäftige sich sowieso schon immer mit dem Digitalen, so betrifft uns die Digitalisierung selbst und zwingt uns zur Transformation. Es reicht nicht mehr, bestehende Prozesse zu automatisieren und zu digitalisieren.

 

Unsere Kunden verändern sich und benötigen für ihre digitalen Geschäftsmodelle unsere IT-Expertise. Das heißt aber nicht, dass sie nur Technologien benötigen – diese sind bereits verfügbar. Sie brauchen individuelle Lösungen und können uns noch kein fertiges Fachkonzept zur Umsetzung in die Hand geben. Das müssen wir gemeinsam mit agilen Methoden entwickeln und daher den Blick für das Kunden-Business gewinnen.

Traditionelle Branchen finden digitale Geschäftsmodelle. Für uns reicht das Digitale nicht mehr als Geschäftsmodell aus.

 

Dieser Artikel erschien zuerst in Ausgabe 46 des SQ-Magazins, dem Fachmagazin für Software-Qualität.

Christian Hüsing

Christian Hüsing leitet die Abteilung Enterprise Information Management und verantwortet Consulting, Support und Entwicklung der FIS-Lösungen rund um Enterprise Content Management (FIS/fci und FIS/edc) und Stammdatenmanagement (FIS/mpm): „Der Kontakt zu Kunden und Partnern ist mir wichtig. Ich wünsche mir, dass wir Rückmeldung auf unsere Blog-Beiträge erhalten und dadurch ins Gespräch über die Themengebiete Digitalisierung, Automatisierung bei der Belegverarbeitung, Trends im Stammdatenmanagement und Ihre Erwartungen an FIS kommen."

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