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SAP Clean Core? Ja, bitte! Aber was bedeutet das aus technischer Sicht?

Der Begriff ist in aller Munde und wird flankiert mit Techniken wie Side-By-Side Extensibility, Key-User Extensibility und Embedded Steampunk. Oft wird dabei nur an die SAP Business AI Platform (SAP BAIP) und die SAP S/4HANA Public Cloud Edition gedacht. Soll Software zukünftig tatsächlich „nur“ auf der SAP BAIP entwickelt werden oder gibt es auch andere Möglichkeiten? Was bedeutet Clean Core aus technischer Sicht?
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SAP Clean Core? Ja, bitte! Aber was bedeutet das aus technischer Sicht?

01. September 2026 | Lesezeit: 11 Minuten

Redaktionsteam

Experten der FIS-Gruppe

Der Begriff ist in aller Munde und wird flankiert mit Techniken wie Side-By-Side Extensibility, Key-User Extensibility und Embedded Steampunk. Oft wird dabei nur an die SAP Business AI Platform (SAP BAIP) und die SAP S/4HANA Public Cloud Edition gedacht. Soll Software zukünftig tatsächlich „nur“ auf der SAP BAIP entwickelt werden oder gibt es auch andere Möglichkeiten? Was bedeutet Clean Core aus technischer Sicht?

Warum sollten Sie die Clean Core Strategie verfolgen?

Oft wird der Begriff Clean Core in einem Satz mit der Innovationsfähigkeit und -geschwindigkeit von Softwaresystemen genannt. Für den Clean Core Standard sprechen aber auch andere Gründe: An erster Stelle kostet Custom Code im Gegensatz zur Standardisierung eine Menge Geld! Er muss erstellt, getestet und gewartet werden.

Wussten Sie, dass eine Zeile Custom Code etwa 1€/Jahr Kosten für Wartung und Pflege verursacht? Bei durchschnittlich 100.000 Zeilen Code überschreiten die jährlichen Aufwände schon nach kurzer Zeit die initialen Implementierungskosten.

Zusätzlich sind beim Upgrade alle Entwicklungen auf Kompatibilität mit dem Zielrelease zu prüfen und zu testen – diese Abhängigkeit und Komplexität wird leider häufig unterschätzt. Der Aufwand beim Upgrade hängt allerdings sehr stark von der Art ab, wie Add-ons und Custom Code in SAP-Systemen implementiert wurden. Und hier hat sich in den vergangenen Jahren einiges getan.

Was ist das Problem zu vieler Modifikationen im SAP-System?

Für viele unserer Kunden waren beziehungsweise sind Modifikationen das Salz in der SAP-Suppe. Durch diese Technik war es möglich das Verhalten des Kern-Systems stark zu individualisieren und vollständig an die eigenen Prozesse anzupassen. Der Kreativität der Unternehmen waren dabei keine Grenzen gesetzt und sie erhofften sich so Potenziale im Wettbewerb.

Auch bei einem Upgrade waren technische Modifikationen kein Problem, da SAP bewährte Werkzeuge und Prozesse für den Umgang mit solchen Weiterentwicklungen bereitstellt. Dennoch muss jegliche Modifikation bei jedem Upgrade erneut „abgemischt“ werden – das kostet Zeit, Geld und birgt ein nicht unerhebliches Fehlerrisiko.

Darüber hinaus bindet es Personal auf Anwenderseite beim Testen der ERP-Funktionalitäten nach dem Upgrade. Aufgrund des zu erwartenden technischen Fortschritts und fortlaufender Innovationen wird die Häufigkeit von Upgrades und die damit verbundenen Herausforderungen zukünftig stark zunehmen.

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Was passiert beim Upgrade mit den Modifikationen?

Kurz gesagt wird der alte Code inklusive aller Modifikationen durch das Upgrade überschrieben. Im Anschluss daran müssen die Modifikationen wieder in den neuen Quellcode eingefügt werden. Meist kein Problem, aber was passiert, wenn der neue Quellcode genau an dieser Stelle geändert wurde oder gar nicht mehr existiert? Dann wird es knifflig und Sie müssen gegebenenfalls:

  • Eine neue Stelle im Code suchen,
  • den Prozess neu designen
  • oder alte Funktionen streichen.

Dass Modifikationen problematisch sind, haben die meisten SAP-Betreiber längst erkannt. Aber auch der Zugriff auf andere Entwicklungsobjekte, wie beispielsweise Elemente des ABAP-Dictionary ist problematisch. Häufig wird zum Beispiel im Custom Code lesend auf SAP-Tabellen zugegriffen. Was aber passiert, wenn diese Tabellen nach dem Upgrade aufgrund einer Datenmodelländerung nicht mehr verfügbar sind oder andere Daten beinhalten?

Bei vielen anderen Erweiterungstechniken, wie zum Beispiel BAdIs oder expliziten Enhancements, sieht es heute schon wesentlich unkomplizierter aus.

Wie bauen wir ein upgrade- und zukunftssicheres System auf?

Der Clean Core Ansatz verfolgt das Ziel, den ERP-Kern standardnah, upgradefähig und frei von nicht unterstützten Modifikationen zu halten. Individuelle Anforderungen werden über freigegebene Erweiterungsmechanismen, APIs sowie Side-by-Side- oder On-Stack-Erweiterungen umgesetzt, sodass Innovationen und Updates schneller übernommen werden können. Damit werden technische Schulden reduziert, Wartungs- und Upgrade- Aufwände langfristig reduziert und die Grundlagen für eine zukunftssichere Cloud-Transformation geschaffen.

Wie lassen sich SAP S/4HANA-Systeme in Zukunft erweitern?

Zukünftig sollten Systeme anhand des SAP S/4HANA Cloud Extensibility Model erweitert werden. Das sorgt für mehr Effizienz beim Upgrade und öffnet die Türen für die Cloud Transformation. Dieses sieht neben der bekannten Erweiterbarkeit durch Entwickler auch eine Erweiterung von Anwendungen durch Business Experten vor.

Im Frühjahr 2025 hat SAP seine Cloud-ERP-Produkte neu benannt:

Die bisher als SAP S/4HANA Cloud Public Edition bekannte Lösung wird seither als SAP Cloud ERP geführt, während die SAP S/4HANA Cloud Private Edition jetzt als SAP Cloud ERP Private bezeichnet wird. Auf dieser Seite bleibt jedoch noch die alte Namensgebung bestehen.

Die Key-User Extensibility ermöglicht es Unternehmen, viele individuelle Anforderungen eigenständig und ohne Entwicklerunterstützung umzusetzen. Neben Anpassungen der Benutzeroberfläche können auch fachliche Erweiterungen über BAdIs realisiert werden.

Für komplexere Erweiterungen von Anwendungen und Prozessen kommt die Developer Extensibility zum Einsatz. Diese folgt den Vorgaben des SAP Cloud Extensibility Models und setzt konsequent auf freigegebene Technologien und Erweiterungspunkte. Dadurch bleiben Erweiterungen wartbar, upgradefähig und mit zukünftigen SAP-Weiterentwicklungen kompatibel.

Reichen die Möglichkeiten innerhalb des ERP-Systems nicht aus oder sollen neue Anwendungen unabhängig vom SAP-Kern entwickelt werden, bietet die Side-by-Side Extensibility einen weiteren Ansatz. Erweiterungen werden dabei außerhalb von SAP S/4HANA, beispielsweise auf der SAP Business AI Platform, realisiert und über standardisierte Schnittstellen integriert.

Welche Möglichkeiten bieten Side-by-Side Erweiterungen?

In vielen Fällen ist es vorteilhaft, Anwendungen nicht „On-Stack“ im SAP S/4HANA-System zu betreiben, sondern diese über die SAP Business AI Platform zur Verfügung zu stellen. Dabei bieten sich zum Beispiel Vorteile wie Skalierbarkeit und die Verfügbarkeit von Services. Auf diese Weise werden ERP-Daten bei Bedarf über die Public-API des SAP S/4HANA-Systems von der SAP BAIP konsumiert und dem Anwender zur Verfügung gestellt.

Die SAP BAIP bietet eine Vielzahl von Services (Mobile Services, Identity Authentication Service, Cloud Foundry Runtime, Integration Suite, KI Services, …), die bei Bedarf von der Anwendung konsumiert werden können und dabei helfen die Effizienz bei der Softwareentwicklung zu verbessern. Auch By-Side können Key-User selbst Anwendungen oder sogar KI-Agenten über die No-Code Plattform „SAP Build Apps“ und Joule Studio erstellen.

Wann wird welche Erweiterungstechnik verwendet?

Die Frage nach der Auswahl von Erweiterungs- und Entwicklungstechnik hängt von unterschiedlichen Faktoren ab und kann nicht pauschal beantwortet werden. Über folgende Matrix kann jedoch eine erste Tendenz abgeleitet werden:

Abb. 1: Entwicklungsansätze unter S/4: SAP S/4HANA (Cloud) Extensibility Model

Exkurs: Wie profitiert der Großhandel vom Clean Core Ansatz? 

Die genannten Erweiterungstechniken sind der Schlüssel zu effizienteren Prozessen entlang der gesamten Wertschöpfungskette – vor allem für den Großhandel. Mit der FIS Wholesale Distribution Suite haben wir eine Lösung entwickelt, die sich konsequent an den Clean Core Prinzipien orientiert. So können branchenspezifische Anforderungen umgesetzt werden, ohne Kompromisse bei Funktionstiefe oder Flexibilität einzugehen.

Bei der Entwicklung der FIS Wholesale Distribution Suite haben wir gezielt auf alle drei Erweiterungsebenen des SAP S/4HANA Cloud Extensibility Models gesetzt:

  • Key-User Extensibility ermöglicht es Fachanwendern im Großhandel, Oberflächen, Felder und einfache Logiken selbst anzupassen – etwa für kundenindividuelle Layouts in der Auftragserfassung oder angepasste Reports in der Disposition.
  • On-Stack Developer Extensibility: Der FIS Wholesale Distribution Core erweitert das SAP-System direkt im Kern – ausschließlich über freigegebene APIs, CDS-Views und definierte Erweiterungspunkte. Großhändler profitieren hier von hochintegrierten Komponenten wie dem Smart Purchase Order zur intelligenten Bestelloptimierung mit Frankogrenzen-, Staffel- und Überbestandsprüfung, einer kombinierten ABC-/XYZ-Analyse für die Disposition oder der beschleunigten Auftragserfassung über das Quick Sales Order-Cockpit.
  • Side-by-Side Extensibility: Für Szenarien, die Skalierbarkeit, moderne Cloud-Services oder Drittanbindungen erfordern, stellt FIS ergänzende Lösungen als Side-by-Side Extensions bereit – z. B. den FIS/ProductAvailabilityService für Echtzeit-Verfügbarkeitsabfragen bei Lieferanten, FIS/LastMile Cloud für intelligente Tourenplanung oder das FIS/TenderManagement Package für KI-gestützte Bearbeitung von Leistungsverzeichnissen. Diese Services kommunizieren über stabile APIs mit dem S/4HANA-Kern und können als SaaS von FIS betrieben werden.

Großhändler erhalten ein zukunftssicheres, upgrade-fähiges System, das branchenspezifische Prozesse von Einkauf über Disposition bis Vertrieb intelligent unterstützt – und dabei vollständig im Rahmen des Clean-Core-Modells bleibt. Technische Schulden gehören der Vergangenheit an, der Weg in die Public Cloud bleibt jederzeit offen.

Was passiert mit dem alten Code des ERP-Systems?

Die Entscheidung liegt ganz bei Ihnen! Es hängt davon ab, welche Strategie Sie mit Ihrer IT-Landschaft anstreben. Wenn Sie zukünftig einen Public Cloud Ansatz verfolgen möchten, können Sie nur Software betreiben, die nach den Grundsätzen des Cloud Extensibility Models entwickelt wurde – ohne Ausnahmen! Keine Modifikationen, Reports oder neue Dynpro-Programme und nur freigegebene Erweiterungspunkte.

Die entscheidende Frage lautet jedoch nicht, welcher Code bestehen bleibt, sondern welchen geschäftlichen Mehrwert er heute noch liefert. Viele kundeneigene Entwicklungen sind über Jahre hinweg entstanden und erfüllen wichtige Anforderungen. Gleichzeitig erhöhen sie den Aufwand für Wartung, Tests und zukünftige Updates.

Ein Clean-Core-Ansatz ermöglicht es, diese Entwicklungen systematisch zu bewerten. Mit Werkzeugen wie dem SAP Readiness Check, der Custom Code Migration App, dem ABAP Test Cockpit sowie dem SAP Clean Core Measurement Framework können Unternehmen Transparenz über Nutzung, technische Komplexität, Abhängigkeiten und Modernisierungsbedarf schaffen.

Auf Basis dieser Analyse lassen sich Erweiterungen nach Business Impact, Nutzungshäufigkeit und technischem Risiko priorisieren. Geschäftskritische Entwicklungen werden gezielt modernisiert und in eine Clean-Core-konforme Architektur überführt, während nicht mehr benötigte oder redundant gewordene Lösungen schrittweise abgelöst werden können. So entsteht eine individuelle Transformations-Roadmap, die sowohl eine sofortige Bereinigung als auch einen kontrollierten Übergang zu einer wartbaren und updatefähigen ERP-Landschaft ermöglicht.

Clean Core ist damit kein Selbstzweck, sondern ein strategischer Ansatz zur Reduzierung technischer Schulden. Unternehmen schaffen die Grundlage für schnellere Innovationen, planbare Updates und langfristig niedrigere Betriebs- und Wartungskosten.

Steht ABAP zukünftig in der zweiten Reihe?

Die Entwicklung im SAP-Umfeld hat sich in den letzten Jahren stark verändert. Nicht nur Fiori oder die SAP BAIP konfrontieren die Entwicklergemeinde mit neuen Frameworks, Tools und Programmiersprachen. Auch die ABAP-Roadmap wurde stark weiterentwickelt und bringt viele neue Methoden.

Techniken wie das ABAP RESTful Application Programming Model etablieren sich am Markt und machen die Entwicklung von Anwendungen im Clean Core einfacher. Aber keine Sorge, ABAP wird zukünftig sicher nicht in der zweiten Reihe stehen, sondern hat ein paar neue Kollegen im Team.

Fazit

In jedem Unternehmen sind die Kosten für die Erstellung von Custom Code sowie für die erforderlichen Lizenzen ein wichtiges Entscheidungskriterium. Jedoch werden die Kosten für den Support und die Wartung des Custom Codes in der Praxis häufig vernachlässigt. Diese Kosten hängen unter anderem von der gewählten Erweiterungstechnik für die Modernisierung ab. Wir sprechen dabei von „technischen Schulden“, welche sich bei der Entwicklung anhäufen.

Um Ihre Prozesse zu optimieren, können und sollen Sie natürlich auch zukünftig Ihre SAP-Suppe mit Custom Code würzen. Allerdings sollten Sie bei Ihrer IT-Strategie auch zukünftige Wartungskosten, Stabilität und Governance berücksichtigen. Unter Umständen kann es sinnvoll sein, dabei höhere Entwicklungskosten für IT-Transformationen in Kauf zu nehmen und einer höheren technischen Schuld im ERP-Kern vorzuziehen.

Fragen zu diesem Thema? Unser Team hilft Ihnen gerne persönlich weiter.

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